15
Januar (ursprüngliche Veröffentlichung auf diesem Blog 2007, geschrieben 2003)
Sommer 02/03
Wedding. Wir ziehen in den Wedding, rief ich in den Telefonhörer und meine Mutter erwiderte erstaunt: "Ah. Das wirst du jetzt also tun."
Er sagte ständig zu mir: "Ich will in den Wedding ziehen." Ich glaube, er vermisste London.
Niemand beneidete uns darum, aber wir zogen einfach um und zusammen. Ich aus dem Friedrichshain und er aus Mitte in eine neue große von Sonne und Leichtigkeit überschwemmte Wohnung in den Wedding.
"Wedding.", sagte er und ich sprach es aus:"Wedding halt."
Am ersten Abend bestellte ich uns chinesisches Essen und rief wiederholend in den Telefonhörer: "Ja mit Pilzen und Ente kross." Er äffte mich nach und tänzelte vor Freude über die frisch abgezogenen Dielen. Die Wohnung lag direkt unter dem Dach und wir waren von allem so fern, aber genauso nah beieinander.
Das war im August gewesen und im September packte ich endlich die ersten Kisten aus. Ich hörte Nancy Sinatra – Good Time Girl und fühlte mich weit davon entfernt. Er stand in meinem Türrahmen und fragte mich: "Was ist los?"
Ich spürte, dass er mich nicht verstehen würde. Es war sinnlos. Ich musste verreisen und er hielt sich rücksichtsvoll zurück. Dabei hatten wir geplant, gemeinsam wegzufahren.
In Marseille nahm ich mir für eine Nacht ein Hotelzimmer und starrte in den Fernseher, dessen Bild so dunkel war, dass ich gar nichts erkennen konnte. Ich stand auf und beschloss essen zu gehen. Die Luft am alten Hafen war Anfang Oktober immer noch warm und die Cafés waren gefüllt. Ich ging in eines dieser Plastikplanenrestaurants und bestellte Meeresfrüchte und Wein. Wirklich getraut hatte ich mich nur, weil hier vereinzelt Gäste saßen, die ebenfalls alleine gekommen waren und gelassen aßen.
Die Kellner brachten mir auf Eis aufgetürmte Berge von toten Meerestieren – Muscheln, Krabben, Hummer, Austern und Schnecken. Ich aß langsam und trank in regelmäßigen Abständen dazu kalten Wein. Es war umständlich und ein Kellner zeigte mir, wie ich aus einem Schneckengehäuse das Fleisch herausziehen konnte. Am Nebentisch saß ein Paar und ich malte gedanklich ein Bild der Marseillaise. Sie hatte einen riesigen Kopf und darum herum einen enormen Turban von grauen Haaren gewunden. Ihr Blick war etwas überheblich und selbstgewiss. Während sie redete, malte sie Luftlöcher mit ihrem gespitzten Mund und nippte hin und wieder am Rosé. Ihre festen, aber auch faltigen Hände lagen von Ringen beschwert auf den Tischkanten. Ihr Begleiter, ihr gegenüber sitzend, verschwand hinter ihrer Erscheinung. Die Kellner gossen uns nach. Ich überlegte und kam zu dem Schluss, dass ich es tun sollte und dann ging alles blitzschnell. Ich kniete vor der Marseillaise und hielt meinen Photoapparat dicht an ihr Gesicht und drückte ab. Sie kreischte aufgebracht: "No Photo, no Photo."
Ihr gesamter massiger Körper und die Tücher um ihren Hals bebten. Ich setzte mich gelassen zurück auf meinen Stuhl und ein Kellner beruhigte sie, mich seitlich augenzwinkernd angrinsend, dass ich eine Touristin sei. Was nicht nötig gewesen wäre. Der Kellner stand geschlagene zehn Minuten neben meinem Tisch und summte eine Sommermelodie aus dem vergangenen Jahr.
Im Hotel fragte mich der Portier, ob ich noch etwas mit ihm gemeinsam trinken wolle. Ich lehnte ab und irrte durch Marseille und blieb unentschlossen vor einer Bar mit einer Regenbogenfahne stehen. Ging schlussendlich hinein und trank, Musik aus den vergangenen Sommern hörend, mich selbst unter den Tisch und ging danach schlafen.
Er empfing mich mit den Worten: "Du siehst aus wie eine Spanierin."
...
Weiße Tage. Ich hatte ihn verloren.
...
Als er weg war, blieb die Wohnung hier im Wedding.
Er wollte photographieren, das Gesicht von Europa porträtieren und mich vergessen.
Zerrissen, dachte ich. Wenn er lachte, weil ich ihn zum Lachen bringen konnte und kleine Geschenke in seinen Taschen versteckte. Ehrlich, dachte ich. Seine Augenbrauen mit drei Fingern glatt strich und die Küsse am Morgen mit dem lächelnden Gesicht.
Am letzten Morgen träumte ich nicht mehr und nahm seine Hand, seinen Arm und hielt ihn fest und ließ seine Haare durch meine Finger rieseln. Ich wollte nie mehr. Mehr.
Januar (ursprüngliche Veröffentlichung auf diesem Blog 2007, geschrieben 2003)
Sommer 02/03
Wedding. Wir ziehen in den Wedding, rief ich in den Telefonhörer und meine Mutter erwiderte erstaunt: "Ah. Das wirst du jetzt also tun."
Er sagte ständig zu mir: "Ich will in den Wedding ziehen." Ich glaube, er vermisste London.
Niemand beneidete uns darum, aber wir zogen einfach um und zusammen. Ich aus dem Friedrichshain und er aus Mitte in eine neue große von Sonne und Leichtigkeit überschwemmte Wohnung in den Wedding.
"Wedding.", sagte er und ich sprach es aus:"Wedding halt."
Am ersten Abend bestellte ich uns chinesisches Essen und rief wiederholend in den Telefonhörer: "Ja mit Pilzen und Ente kross." Er äffte mich nach und tänzelte vor Freude über die frisch abgezogenen Dielen. Die Wohnung lag direkt unter dem Dach und wir waren von allem so fern, aber genauso nah beieinander.
Das war im August gewesen und im September packte ich endlich die ersten Kisten aus. Ich hörte Nancy Sinatra – Good Time Girl und fühlte mich weit davon entfernt. Er stand in meinem Türrahmen und fragte mich: "Was ist los?"
Ich spürte, dass er mich nicht verstehen würde. Es war sinnlos. Ich musste verreisen und er hielt sich rücksichtsvoll zurück. Dabei hatten wir geplant, gemeinsam wegzufahren.
In Marseille nahm ich mir für eine Nacht ein Hotelzimmer und starrte in den Fernseher, dessen Bild so dunkel war, dass ich gar nichts erkennen konnte. Ich stand auf und beschloss essen zu gehen. Die Luft am alten Hafen war Anfang Oktober immer noch warm und die Cafés waren gefüllt. Ich ging in eines dieser Plastikplanenrestaurants und bestellte Meeresfrüchte und Wein. Wirklich getraut hatte ich mich nur, weil hier vereinzelt Gäste saßen, die ebenfalls alleine gekommen waren und gelassen aßen.
Die Kellner brachten mir auf Eis aufgetürmte Berge von toten Meerestieren – Muscheln, Krabben, Hummer, Austern und Schnecken. Ich aß langsam und trank in regelmäßigen Abständen dazu kalten Wein. Es war umständlich und ein Kellner zeigte mir, wie ich aus einem Schneckengehäuse das Fleisch herausziehen konnte. Am Nebentisch saß ein Paar und ich malte gedanklich ein Bild der Marseillaise. Sie hatte einen riesigen Kopf und darum herum einen enormen Turban von grauen Haaren gewunden. Ihr Blick war etwas überheblich und selbstgewiss. Während sie redete, malte sie Luftlöcher mit ihrem gespitzten Mund und nippte hin und wieder am Rosé. Ihre festen, aber auch faltigen Hände lagen von Ringen beschwert auf den Tischkanten. Ihr Begleiter, ihr gegenüber sitzend, verschwand hinter ihrer Erscheinung. Die Kellner gossen uns nach. Ich überlegte und kam zu dem Schluss, dass ich es tun sollte und dann ging alles blitzschnell. Ich kniete vor der Marseillaise und hielt meinen Photoapparat dicht an ihr Gesicht und drückte ab. Sie kreischte aufgebracht: "No Photo, no Photo."
Ihr gesamter massiger Körper und die Tücher um ihren Hals bebten. Ich setzte mich gelassen zurück auf meinen Stuhl und ein Kellner beruhigte sie, mich seitlich augenzwinkernd angrinsend, dass ich eine Touristin sei. Was nicht nötig gewesen wäre. Der Kellner stand geschlagene zehn Minuten neben meinem Tisch und summte eine Sommermelodie aus dem vergangenen Jahr.
Im Hotel fragte mich der Portier, ob ich noch etwas mit ihm gemeinsam trinken wolle. Ich lehnte ab und irrte durch Marseille und blieb unentschlossen vor einer Bar mit einer Regenbogenfahne stehen. Ging schlussendlich hinein und trank, Musik aus den vergangenen Sommern hörend, mich selbst unter den Tisch und ging danach schlafen.
Er empfing mich mit den Worten: "Du siehst aus wie eine Spanierin."
...
Weiße Tage. Ich hatte ihn verloren.
...
Als er weg war, blieb die Wohnung hier im Wedding.
Er wollte photographieren, das Gesicht von Europa porträtieren und mich vergessen.
Zerrissen, dachte ich. Wenn er lachte, weil ich ihn zum Lachen bringen konnte und kleine Geschenke in seinen Taschen versteckte. Ehrlich, dachte ich. Seine Augenbrauen mit drei Fingern glatt strich und die Küsse am Morgen mit dem lächelnden Gesicht.
Am letzten Morgen träumte ich nicht mehr und nahm seine Hand, seinen Arm und hielt ihn fest und ließ seine Haare durch meine Finger rieseln. Ich wollte nie mehr. Mehr.
¶ Stalking
Ich bin da raus, seit vier Jahren raus und merke nicht mehr viel davon. Ungewöhnliche anonyme Anrufe irritieren mich zwar noch immer und nächtliches Geklingle hat zuweilen immer noch den Effekt, dass ich für einige Stunden aufgwühlt bin, aber - ich bin raus.
Stalking hat bei mir massive körperliche Schäden hinterlassen, von dramatischem Übergewicht bis zu dramatischem Bluthochdruck. Ich neige manchmal immer noch dazu, unwillentlich aggressiv zu werden, Situationen im zwischenmenschlichen Bereich falsch einzuschätzen oder mir selbst zu schaden. Nicht grundsätzlich, aber zu häufig unwissentlich.
Und man merkt es immer zu spät.
Ich habe meinen Stalker nicht im Internet kennengelernt, sondern draußen in der freien Wildbahn. Aber in ihren Verhaltensweisen unterscheiden sie sich kaum, die Cyberstalker, wie die Echtzeitstalker. Als Betroffene mag man später auch kaum die Ursachen für ihr Verhalten wissen wollen, denn sie sind das Böse. Aber es gibt für Stalker durchaus auch Anlaufmöglichkeiten, sich mit sich selbst und ihrer Qual auseinanderzusetzen und sie sind nicht nur männlich.
Care about your lifetime.
Es ist niemals zu spät.
Stalking hat bei mir massive körperliche Schäden hinterlassen, von dramatischem Übergewicht bis zu dramatischem Bluthochdruck. Ich neige manchmal immer noch dazu, unwillentlich aggressiv zu werden, Situationen im zwischenmenschlichen Bereich falsch einzuschätzen oder mir selbst zu schaden. Nicht grundsätzlich, aber zu häufig unwissentlich.
Und man merkt es immer zu spät.
Ich habe meinen Stalker nicht im Internet kennengelernt, sondern draußen in der freien Wildbahn. Aber in ihren Verhaltensweisen unterscheiden sie sich kaum, die Cyberstalker, wie die Echtzeitstalker. Als Betroffene mag man später auch kaum die Ursachen für ihr Verhalten wissen wollen, denn sie sind das Böse. Aber es gibt für Stalker durchaus auch Anlaufmöglichkeiten, sich mit sich selbst und ihrer Qual auseinanderzusetzen und sie sind nicht nur männlich.
Care about your lifetime.
Es ist niemals zu spät.
Ich bin nicht besessen, habe keinen Plan, erwachte das Licht der Welt in der Wiege der Menschheit und begann mit den besten Voraussetzungen mein Leben, welches sporadisch von einer Kinderkrankenschwester und einem Physiker überwacht wurde; die deeper Familienkonstellation war spürbar, aber nicht erfragbar. Ich bin eine Gamerin, eine Playerin - naturbegabtes kunstloses Genie im Erdenken von allem und jedem.
Wir spielten die Wilde 13 in der Hausnummer 13 irgendwo in der Pampa in Marzahn, einem halbfertigen Bezirk, der im Grunde genommen nur aus Matsch bestand. Aus Matsch, Bäumen, Wiesen, Pfützen und unverbautem Stahlbeton, in dessen Ritzen, Lücken und Höhlen wir Geschichten zu erzählen begannen, mit unseren 6 Jahren.
Von der Schuttkippe bargen wir später Grabsteine und schleppten sie in geheime Knutsch - und Fummelkeller. Aber bitte so früh wie möglich. Langeweile macht sich breit zwischen Seerosentapeten und Mercedessternen, Klavierstunden und Bandgründungen.
Und das ist genauso langweilig, wie es alle Biographien sind, wie sie alle nichtssagend sind. Die Essenz ist der Moment, in dem du agierst. Schaust, handelst und entscheidest. Deine Stimme und dein Handeln Gewicht bekommen, jenseits von Eitelkeiten und Neurosen, sondern in der puren Selbstbehauptung. Mit blutigen Fingern vom Grabsteinschleppen, den blauen Flecken vom dazwischen Gehen in Prügelleien, dem blauen Samt auf der Zunge vom unendlichen Reden. Dem unermüdlichen Reden.
Spiel ein wenig mit mir und ich verrate dir die Idee.
(No, I am not depressed)
Wir spielten die Wilde 13 in der Hausnummer 13 irgendwo in der Pampa in Marzahn, einem halbfertigen Bezirk, der im Grunde genommen nur aus Matsch bestand. Aus Matsch, Bäumen, Wiesen, Pfützen und unverbautem Stahlbeton, in dessen Ritzen, Lücken und Höhlen wir Geschichten zu erzählen begannen, mit unseren 6 Jahren.
Von der Schuttkippe bargen wir später Grabsteine und schleppten sie in geheime Knutsch - und Fummelkeller. Aber bitte so früh wie möglich. Langeweile macht sich breit zwischen Seerosentapeten und Mercedessternen, Klavierstunden und Bandgründungen.
Und das ist genauso langweilig, wie es alle Biographien sind, wie sie alle nichtssagend sind. Die Essenz ist der Moment, in dem du agierst. Schaust, handelst und entscheidest. Deine Stimme und dein Handeln Gewicht bekommen, jenseits von Eitelkeiten und Neurosen, sondern in der puren Selbstbehauptung. Mit blutigen Fingern vom Grabsteinschleppen, den blauen Flecken vom dazwischen Gehen in Prügelleien, dem blauen Samt auf der Zunge vom unendlichen Reden. Dem unermüdlichen Reden.
Spiel ein wenig mit mir und ich verrate dir die Idee.
(No, I am not depressed)