Sonntag, 23. Februar 2014
Wenn ich etwas nicht bin, dann "deutsch", obwohl es in meinem Pass steht. Es gibt da zwar eine Verkettung von Ereignissen, die meine Großmutter und meinen Großvater schlussendlich in der DDR landen ließen, aber die Spuren ausländischer Aufenthalte haben das Nervensystem meiner Verwandtschaft mehr geprägt, als Schwarzwälder Kirschtorte und Freiberger Bergbau.

Seit Kindesbeinen an hatte ich damit zu kämpfen, einen afrikanischen Geburtsort angeben zu müssen, wenn es denn gefragt wurde. In der DDR war so etwas ja eher sehr speziell und nicht so gern gesehen. In meiner Außenseiterfunktion agierend, brachte ich gute Noten nach Hause, war zunächst ein recht braves Kind und fand eine Freundin, die ebenfalls mit ihren Eltern im Ausland war (neben anderen Freundinnen). Während wiederum die Begegnung mit anderen Kindern im Ausland später auch nicht sonderlich half, meinen Außenseiterstatus aufzuheben, mich aber allmählich nach etlichen Blessuren wehrhaft machte; fand ich mich bald im wiedervereinigten Deutschland, bzw. im wiedervereinigten Berlin wieder. Mein Vater, der um meine Leselust wusste, meldete mich, als quasi erste Amtshandlung, nach unserer Rückkehr aus Äthiopien in Kreuzberg in einer Jugendbibliothek an. Was besseres konnte mir nicht passieren. Mit 12 Jahren latschte ich authorisiert durch das Lesebändchen quer durch Berlin, wo andere Eltern noch Vorbehalte gegenüber den West-Bezirken hatten. Mir war das alles recht schnurz und ich nahm die Welt, so wie sie sich mir jetzt zeigte mit offenen Armen an und trug kiloweise Jugendromane nach Hause. Einmal auch den Koran. Ich war sehr glücklich in dieser Zeit.

Unter Umständen hätte mir auch dies blühen können, so als Professorentochter, nur gelang es mir nicht im richtigen Augenblick zu lächeln. Ich trug bei meinem Vorstellungsgespräch im Leipziger Literaturinstitut eine dunkelblaue Kapuzenstepweste, hörte auf der Hinfahrt Punk und erklärte den älteren Dozenten meine Vorstellungen von Literatur mit meiner genialen Punkattitüde. Ganz falsch. Das wollte niemand hören. Vielleicht waren meine Texte doch nicht gut, dachte ich danach. Dabei war ich einfach mit dieser öffentlichen Situation, wo einem Wasser angeboten wird und man nett lächelnd smalltalken sollte, nicht zurecht gekommen. Und ehrlich gesagt: Ich kann es immer noch nicht richtig. Das wird vermutlich vielen Autoren so gehen, die man jetzt einfach noch nicht kennt und vielleicht nie kennen lernen wird, weil der Betrieb mit diesen klassischen bürgerlichen Regeln, inzwischen auch den selbstverständlichen Vermarktungsregeln agiert und sozial Abgehängte somit ausgrenzt.

In der Welt, in der wir uns momentan befinden, besitzt Konformität einen positiven Wert. Wir haben die Algorithmen der Persönlichkeits- und Leistungstests in unsere Seele eingepflanzt und lassen uns freimütig danach bewerten und hoffen jederzeit bestehen zu können. Klang es nicht zu Anfang so schön, dass die Aufnahmetests in die öffentlichen Dienste und großen Firmen eben nicht unsere Hautfarbe, unsere Herkunft und unseren Stil wissen wollten, sondern nur an unserem blanken Intellekt interessiert schienen? Viele Uniformen, die wir schon längst tragen sind für uns noch farblos, aber fühlbar.



Freitag, 24. Januar 2014
Ich habe einem Mörder die Hand gereicht, dachte ich damals. Einem Mörder. Ich muss wohl so etwa 16 oder 17 gewesen sein und unterhielt mich mit der Jugendclubleiterin über irgendeinen Kram. Vermutlich den Schauspielkurs. K. und ich saßen einander gegenüber und führten einen kleinen Wettkampf. Wer am längsten schweigen konnte, hatte gesiegt. Sie gewann meistens. Irgendwann setzte sich dieser Typ dazu. Er hatte dunkelbraune Haare und roch nach nichts. Trug ein Hoodie, was man damals noch nicht Hoodie nannte sondern Kapuzenpullover. Er setzte sich zu uns, die Beine ordentlich aufgestellt und die Haare gekämmt. Ich nahm ihn kaum wahr, weil ich noch angestrengt damit beschäftigt war zu schweigen. Über die Kante meiner Ohrläppchen hörte ich ihr Gespräch mit. Es ging um allgemeine Zustände: seine Wohnungssituation, seine Jobsuche und so Dinge. Er wirkte freundlich, gesetzt, ruhig und unglaublich aufgeräumt, als käme er aus einem Schweigekloster. Weiterhin angestrengt schweigend, warf ich mich zwischendurch ins Zeug und fragte ihn etwas. Was genau habe ich vergessen. Es wird etwas sinnloses gewesen sein. Zum Abschied gab er uns die Hand und ging von dannen. Ich fragte K. wer das gewesen sei und sie sagte, dies sei der D., der im Knast saß und nun raus ist. Ich war baff, denn die Situation von vor drei oder vier Jahren war mir wieder gegenwärtig. Der Menschenauflauf, die Polizei und all das. Wie ich am Rand stand, wie Menschen schrien, dass da jemand abgestochen worden sei. Mit 13 bzw. 14 Jahren trug ich meistens einen überlangen dunkelblauen Pullover, welcher mich schützen sollte und musste vor genau solchen Situationen. Den Rest des Tages erinnere ich, dass ich nach Hause lief und mit niemandem darüber sprechen konnte oder auch wollte. K. war damals vermutlich mit der Polizei beschäftigt, meine Mutter mit sich und mein Vater wickelte ein Institut ab.

Unter uns Jugendlichen, Punks und Rappern, blieb eine diffuse Angst, eine Unsicherheit, dass da noch mehr kommen könnte. Das man auf sich aufpassen sollte. Eine rassistischer Übergriff, der einen vietnamesischen Mitbürger traf, bedeutete für Karl-Heinz aus der vierten Etage und Erika aus dem siebten vielleicht nichts, weil innendrin eh alles hohl war. Aber wir hatten uns positioniert. Und zwar vorher - dass wir so etwas nicht dulden würden, so etwas nicht hinnehmen würden.



Mittwoch, 18. Dezember 2013
A. habe ich davon erzählt, wie das geht. Er wäre gern Lateinamerikabackpacker gewesen, sagte er so. Glaube ich. Man liegt die Nacht über in einem Zimmer mit oder ohne Ventilator an der Decke. Warmes Wasser in der Dusche braucht man nicht, aber eine Dusche im Haus ist gut. Ein Papagei im Hinterhof, ein Schaukelstuhl auf der Veranda. Reis, Hühnchen und Gemüse. Sich über die Veranda lehnen und den anderen begrüßen, Verabredungen vereinbaren und den Cousin von Koks quasseln lassen.

Sich mit T-Shirt und Rock in den staubigen Straßenrand setzen, schauen und zur Ruhe kommen, wie nie im Leben. Einfach die Straße hochlaufen, eine Fanta und Zigaretten im Laden kaufen und die Straße wieder herunterlaufen und auf den Karneval warten.

So wie als Kind in Leipzig. Und den Hund austricksen.

Man hatte die ersten Boxen schon auf die Straße geschoben.