Donnerstag, 25. September 2014
"Mitte funktioniert" - das muss die von auswärts kommende Nachtschwärmerin gedacht haben, als ich ihr freundlich Auskunft gab, wo hier die nächste U-Bahn-Station sei. Ich saß bereits einige Zeit auf der Bank am Gendarmenmarkt, um meine Füße auszuruhen, die heute einiges zu tun gehabt hatten, bis sie irgendwann kam und sich auf die Bank daneben setzte. Vorsichtshalber hielt ich meine Zigarette in die andere Richtung, bis ich erleichtert feststellte, dass sie sich auch eine anzündete. Sie plauderte mit jemandem am Telefon, dass es hier eine gute Bar gäbe und zudem stünden eine Menge Restaurants zur Auswahl. Mit einem festen und glücklichen Blick bedankte sie sich extra noch einmal für meine U-Bahn-Auskunft bevor sie ging und auf ihren Stiefelchen Richtung Nacht und Leben davonschwebte. Unterdessen hatte sich der Himmel eingetrübt und die Lampen warfen dieses seltsame Berlinlicht, wie es früher die Karl-Marx-Allee hatte in den Abendstunden, bevor das hässliche kalte Öko-Sparlicht Einzug hielt. Ich klappe die Augen auf und zu. Den Gendarmenmarkt kann ich auf meinem persönlichen Zeitstreifen bis in die Vorwendezeit zurückverfolgen und verblüffend daran ist, es hat sich kaum etwas geändert. Der Platz, die Laternen und die Menschengruppen - all das gab es schon vor dreißig Jahren. Das fühlt sich verbindlich an, vertraut und für geraume Zeit unzerstörbar.



Freitag, 6. Dezember 2013
Unwissend vorwärts stolpernd. Hungrig, meist müde, den Efeu des Waldhauses stündlich abtastend. Den Kopf in den Nacken und die Selbstgedrehte in der rechten Hand. Abwartend. Die Zeit wegschiebend. Die Tagträume des Sommers bogen in die Einflugschneise des Herbstes ein. Bin ich 'Röckchen' in ein paar Jahren und habe es bloß nicht kommen sehen, die Laufmasche kommen sehen? Scheinzufriedenheit, will ich rufen. Immer abklopfen, immer gesund misstrauisch, immer schön gesund sein. Ein paar Träume zuviel ja, aber bitte nichts, was über das Ufer tritt. Im spaßfernen und seelen-tödlichen Realismus gefangen? Zu harsch. Machen. Gut. War gar nicht so schwer und Fehler, die kleinen, unterlaufen einem täglich. Lügen und Fehler. Es gibt keine Hirngespinste, keine Schwere. Nur die kleinen Nadelstiche der Stadt, die Gedanken, die ab und zu von einer Ecke zur nächsten springen, um sich im darauf folgenden Moment an das Gesetz des Gestaltwandlers zu halten und ihre Form, Farbe und Geruch zu verändern. Ein spitzer Stein im Schuh oder doch eher eine Wolke aus pulverisiertem Orangensaft? Gedanken sind so. Sind Karotten, die auf Dachgemüsegärten wachsen und ihre Wurzeln reichen bis in die modrigen Keller der Mietshäuser. Unbedeutend. Bleiben Sie dran - Stay tuned.



Freitag, 5. April 2013
Ich möchte den Moment nehmen, als ich zum ersten Mal das Schwarze Meer sah und es dunkelblau am Horizont schimmerte und dann direkt in den kolumbianischen Tropenwald einbiegen, das Schwarze Meer als Erinnerung, als Zettel zerknüllt in der Hosentasche tragend. Während der Nacht im Zelt am Strand würde ich von Jaffa bei Nacht träumen und die unzähligen Lichter von Tel Aviv von einem Taxi aus bestaunen und mich an das lebendige Nachtleben von Athen erinnern und den Duft von Süßigkeiten.

Die endlosen kühlen Wälder von Schweden und Norwegen würde ich herbeisehnen, während ich die Treppen in Florenz hinabsteige und in Rom ermattet von der Tageshitze Pizza esse. Den seltsamen alteuropäischen Charme von Vilnius lasse ich über Prag und Wien als Glitzerstaub herabrieseln und verteile die Reste in den Gassen von Lissabon, wo ich tief den afrikanischen Odeur inhaliere, welcher auf wundersame Weise ohne Abstriche das Meer überqueren konnte, um dann Rolling Stones hörend auf einer ostafrikanischen rough road in den Mond über Sinai hineinzusteigen.

Den Gare du Nord bewohne ich bei Nacht und vom Smolenskaja eile ich fort, um zusammen mit Behemoth Champagner trinken zu gehen und fände mich bei Morgengrauen in einem Londoner Park wieder. Nach einem verschlafenem Tag äße ich Tappas in Barcelona und würde mit wehendem Mantel nach einer Umdrehung Utrecht erreichen, um ein Weißbier zu trinken. Später säße ich im Holländischen Viertel vom Wedding, mich an den Böhmischen Platz in Neukölln erinnernd.

Was immer auch sein wird.



Dienstag, 12. Februar 2013
Ich weiß nicht, die letzten Tage ging es schon ein wenig, aber die Knochen melden sich immer dann zu Wort, wenn ich es nicht gebrauchen kann. Auf längeren Wegstrecken zum Beispiel, welche ich heute derer mehrere zurücklegte und anfangs hieß dies martialische Schmerzen auszuhalten, weil ich kaum noch irgendwelche Schmerzmittel vertrage. Entweder wird mir davon speiübel oder mein Kreislauf versackt. Irgendwann zwischen Erschöpfung und Aufbruch spürte ich nichts mehr oder hatte mich genug bewegt. Mag auch eine leichte Erkältung daran Schuld sein, dass es jetzt wieder derart ausartet. Nach dem letzten Neuorientierungsversuch sank ich in mich zurück, bebilderte mein Inneres mit äußeren Winterlandschaften und zähen, langen Wegstrecken. Mit der Formel 'Das Sein bestimmt das Bewußtsein' wäre ich momentan eine rheumatische Berlintouristin mit kleinem Budget, die in sich verschneite Landschaften und Bücher stapelt.

Man bräuchte ja nur jemanden, der einen vor den größten Katastrophen bewahrt und der die eigenen Vorschläge auch als seine ausgeben würde.