Es gibt mehrere Aspekte, die mich an dem Interview mit Robert Pfaller in der FAZ gestört haben.
1
Da wäre zunächst die erste Frage, in der Brüderles Aussage als "plumpes Kompliment" deklariert wird, wobei dies eben nicht der Fall war, sondern es sich um eine Retourkutsche handelte, angesprochen auf sein Alter. Und da das Alter für einige Männer gleichbedeutend mit weniger Manneskraft ist, war dies eine Antwort, die ihm logisch erschien. Ungeachtet dessen bezieht sich Pfaller in der ersten Antwort auf Dominique Strauss-Kahn und die darauffolgenden Proteste, die seiner Ansicht nach, welche im übrigen unter Männern, egal wie sie politisch aufgestellt sind, eine populäre ist, geschickt für politische Zwecke eingesetzt wurden. Was im Fall von Dominique Strauss-Kahn tatsächlich passiert ist, wird wohl nicht mehr an die Öffentlichkeit dringen und die sachliche Erörterung seiner Schuld, die kaum zu Stande kam, ist tatsächlich einer überpräsenten Öffentlichkeit geschuldet. Die traurige Wahrheit ist doch aber auch, dass die Proteste zahlreicher Hotelangestellten plötzlich mit Verschwörungstheorien vermischt wurden. Politische Verschwörungskonstrukte, welche ebenso ein heiliges Faszinosum sämtlicher politischer Kultur darstellen. Die Zimmermädchen in ihrer großen Anzahl haben doch sicherlich nicht grundlos protestiert, sondern höchstwahrscheinlich aus schlimmen Erfahrungen heraus, welche eben mit Abhängigkeit, Gewalt und Ausbeutung zu tun haben. In solchen Momenten frage ich mich immer nach der sexuellen Anziehungskraft von Verschwörungstheorien. Und ich denke, Zimmermädchen möchten in der Regel freundlich behandelt, gut bezahlt und ansonsten in Ruhe gelassen werden. Der Fall Dominique Strauss-Kahn kann jedoch nicht mit der Debatte um #Aufschrei verglichen werden.
2
In der zweiten Antwort bittet Robert Pfaller uns Frauen darum, den gespielten Sexismus und die gespielte Belästigung in der Öffentlichkeit doch auch als solche wahrzunehmen. Prinzip: Zu Hause ist er normal.
Dem gegenüber stehen aber die inzwischen, seit Jahrzehnten, aufgeweichten Sphären des Privaten und Öffentlichen. Das grobe Lustspiel, der Schlagabtausch unter Rollengesinnten hat sich auf SM-Parties verzogen und findet in Szenebars allenfalls noch subtil statt und dann auch nur wenn man sich vorher darauf geeinigt hat, möglicherweise auch auf den Kontrollverlust. Das Sexuelle ist nicht komplett aus der Öffentlichkeit verschwunden, aber die Spielregeln sind neu.
3
Die dritte Antwort widmet sich noch einmal dem Rollenspiel, wobei Herr Pfaller den Schwerpunkt auf eine halb untergegangene Rolle setzt – die Dame. Dabei liegt die Wahrheit, wie so oft, im Gegenüber. Bereits in den ersten Sekunden spüre ich, wie mein Gegenüber behandelt werden möchte. Beide Agierenden greifen dazu auf ihren Erfahrungsschatz zurück und achten darauf, wie weit der andere, die andere an diesem Abend, diesem Nachmittag körperbezogen sprechen möchte. Eine Frage, ob man in diesem Alter noch weiterhin eine Führungsrolle spielen möchte, ist grundsätzlich keine Aufforderung, seine Männlichkeit zu beweisen. So leid es mir tut. Aber das sind die Spielregeln.
4
Die Frage nach der Wehrhaftigkeit in der nächsten Antwort würde ich gar viel simpler beantworten. Unter Umständen hätte eine andere Frau mit einer Ohrfeige reagiert und der Stern hätte sich hinter die Dame gestellt, so wie er sich jetzt hinter die schriftliche und nachträgliche Ohrfeige gestellt hat. Unter Umständen.
5
Nun gibt es keine Benimmbücher mehr und ich wüsste daher auch nicht, wie sich die Rolle einer Dame komplett ausfüllen ließe, zumal in mir auch ein Punkmädchen, eine Hippiebraut, eine DDR-Frau, eine Studentin, eine Praktikantin, eine Assistentin, eine Kinderkrankenschwester, eine Radiojournalistin und zahlreiche andere Rollen und Rollenvorbilder wohnen. In der Rolle des Punkmädchens ließe sich eine Ohrfeige noch am besten mit meinem Über-Ich vereinen.
6
Natürlich beinhaltet die Rolle des Punkmädchens auch so kuriose Dinge, wie jemanden spontan zu küssen oder andere Dinge, die eine Dame niemals tun würde. Ich weiß nicht, was mit meinen Rollen los war, dass ich sehr, sehr häufig belästigt worden bin in meinem Leben, ob mal weniger naiv oder mehr. Trotzdem ist es passiert. Und Sie Herr Pfaller würden vermutlich jetzt sagen, wo kein Herr, da auch keine Dame. Ach, nein – würden Sie nicht. Das ist die Antwort, die mich sehr wütend gemacht hat. Das Gute ist, ich bin über den Ärger hinaus. Ich denke, mein inneres Punkmädchen hat mir da mehr geholfen, als meine innere Großmutter, die vieles einfach ausgehalten hat. Damen sprechen nicht darüber.
7
Die Frage der Selbstbehauptung in der siebenten Frage würde ich wieder unter das Vorzeichen des Aushandelns stellen. Da möchte ich auch nicht, dass mich die Polizei beschützt, das wäre meinem Selbstwertgefühl abträglich. Aber wenn ich jemanden bitte, die Tür bei einem Gespräch offen zu lassen – aus was für Gründen auch immer, so hätte jener dies zu respektieren.
8
Ihrer achten Antwort stimme ich zu, unter dem Vorbehalt des Aushandelns.
9
Mit Opernbällen und den 68ern kann ich wenig anfangen.
10
Ich froh darum, viele Rollenbilder in mir zu tragen, sie bei Bedarf anwenden zu können und manches Mal ist mir die Rolle der Dame sehr recht. Aber ich mag ihre Fallstricke nicht kennenlernen.
11
Zusammenfassend wäre noch zu sagen, dass ich es sehr unhöflich finde, dass die Gedanken streitbarer und kluger Frauen nicht weitergeführt worden sind, sondern stattdessen kurzerhand die Rechnung bezahlt und murmelnd im Gehen einwendet wurde, dass diese Frau gegen Mann und alt gegen jung Geschichten endlich aufhören sollen, man hätte jetzt wichtigeres zu tun.
Und ich, ich stehe gemeinsam mit den Zimmermädchen auf der Straße und halte Schilder hoch:
Ein wahrer Philosoph wäre doch dazu fähig, Anschlusspunkte zu finden, statt den Diskurs zu kappen und losgelöst davon weiterzureden, als wäre nichts passiert.
Die Ursprungsdebatte ist integrativer Bestandteil aller weiteren Debatten.
Man kann das Thema durchaus weiter besprechen, ohne sein ursprüngliches Anliegen kleinzureden.
Es ist doch gerade der Fall, dass durch #aufschrei Abhängigkeitsverhältnisse wieder diskutiert werden, was somit politisch ist.
Empört euch.
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Da wäre zunächst die erste Frage, in der Brüderles Aussage als "plumpes Kompliment" deklariert wird, wobei dies eben nicht der Fall war, sondern es sich um eine Retourkutsche handelte, angesprochen auf sein Alter. Und da das Alter für einige Männer gleichbedeutend mit weniger Manneskraft ist, war dies eine Antwort, die ihm logisch erschien. Ungeachtet dessen bezieht sich Pfaller in der ersten Antwort auf Dominique Strauss-Kahn und die darauffolgenden Proteste, die seiner Ansicht nach, welche im übrigen unter Männern, egal wie sie politisch aufgestellt sind, eine populäre ist, geschickt für politische Zwecke eingesetzt wurden. Was im Fall von Dominique Strauss-Kahn tatsächlich passiert ist, wird wohl nicht mehr an die Öffentlichkeit dringen und die sachliche Erörterung seiner Schuld, die kaum zu Stande kam, ist tatsächlich einer überpräsenten Öffentlichkeit geschuldet. Die traurige Wahrheit ist doch aber auch, dass die Proteste zahlreicher Hotelangestellten plötzlich mit Verschwörungstheorien vermischt wurden. Politische Verschwörungskonstrukte, welche ebenso ein heiliges Faszinosum sämtlicher politischer Kultur darstellen. Die Zimmermädchen in ihrer großen Anzahl haben doch sicherlich nicht grundlos protestiert, sondern höchstwahrscheinlich aus schlimmen Erfahrungen heraus, welche eben mit Abhängigkeit, Gewalt und Ausbeutung zu tun haben. In solchen Momenten frage ich mich immer nach der sexuellen Anziehungskraft von Verschwörungstheorien. Und ich denke, Zimmermädchen möchten in der Regel freundlich behandelt, gut bezahlt und ansonsten in Ruhe gelassen werden. Der Fall Dominique Strauss-Kahn kann jedoch nicht mit der Debatte um #Aufschrei verglichen werden.
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In der zweiten Antwort bittet Robert Pfaller uns Frauen darum, den gespielten Sexismus und die gespielte Belästigung in der Öffentlichkeit doch auch als solche wahrzunehmen. Prinzip: Zu Hause ist er normal.
Dem gegenüber stehen aber die inzwischen, seit Jahrzehnten, aufgeweichten Sphären des Privaten und Öffentlichen. Das grobe Lustspiel, der Schlagabtausch unter Rollengesinnten hat sich auf SM-Parties verzogen und findet in Szenebars allenfalls noch subtil statt und dann auch nur wenn man sich vorher darauf geeinigt hat, möglicherweise auch auf den Kontrollverlust. Das Sexuelle ist nicht komplett aus der Öffentlichkeit verschwunden, aber die Spielregeln sind neu.
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Die dritte Antwort widmet sich noch einmal dem Rollenspiel, wobei Herr Pfaller den Schwerpunkt auf eine halb untergegangene Rolle setzt – die Dame. Dabei liegt die Wahrheit, wie so oft, im Gegenüber. Bereits in den ersten Sekunden spüre ich, wie mein Gegenüber behandelt werden möchte. Beide Agierenden greifen dazu auf ihren Erfahrungsschatz zurück und achten darauf, wie weit der andere, die andere an diesem Abend, diesem Nachmittag körperbezogen sprechen möchte. Eine Frage, ob man in diesem Alter noch weiterhin eine Führungsrolle spielen möchte, ist grundsätzlich keine Aufforderung, seine Männlichkeit zu beweisen. So leid es mir tut. Aber das sind die Spielregeln.
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Die Frage nach der Wehrhaftigkeit in der nächsten Antwort würde ich gar viel simpler beantworten. Unter Umständen hätte eine andere Frau mit einer Ohrfeige reagiert und der Stern hätte sich hinter die Dame gestellt, so wie er sich jetzt hinter die schriftliche und nachträgliche Ohrfeige gestellt hat. Unter Umständen.
5
Nun gibt es keine Benimmbücher mehr und ich wüsste daher auch nicht, wie sich die Rolle einer Dame komplett ausfüllen ließe, zumal in mir auch ein Punkmädchen, eine Hippiebraut, eine DDR-Frau, eine Studentin, eine Praktikantin, eine Assistentin, eine Kinderkrankenschwester, eine Radiojournalistin und zahlreiche andere Rollen und Rollenvorbilder wohnen. In der Rolle des Punkmädchens ließe sich eine Ohrfeige noch am besten mit meinem Über-Ich vereinen.
6
Natürlich beinhaltet die Rolle des Punkmädchens auch so kuriose Dinge, wie jemanden spontan zu küssen oder andere Dinge, die eine Dame niemals tun würde. Ich weiß nicht, was mit meinen Rollen los war, dass ich sehr, sehr häufig belästigt worden bin in meinem Leben, ob mal weniger naiv oder mehr. Trotzdem ist es passiert. Und Sie Herr Pfaller würden vermutlich jetzt sagen, wo kein Herr, da auch keine Dame. Ach, nein – würden Sie nicht. Das ist die Antwort, die mich sehr wütend gemacht hat. Das Gute ist, ich bin über den Ärger hinaus. Ich denke, mein inneres Punkmädchen hat mir da mehr geholfen, als meine innere Großmutter, die vieles einfach ausgehalten hat. Damen sprechen nicht darüber.
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Die Frage der Selbstbehauptung in der siebenten Frage würde ich wieder unter das Vorzeichen des Aushandelns stellen. Da möchte ich auch nicht, dass mich die Polizei beschützt, das wäre meinem Selbstwertgefühl abträglich. Aber wenn ich jemanden bitte, die Tür bei einem Gespräch offen zu lassen – aus was für Gründen auch immer, so hätte jener dies zu respektieren.
8
Ihrer achten Antwort stimme ich zu, unter dem Vorbehalt des Aushandelns.
9
Mit Opernbällen und den 68ern kann ich wenig anfangen.
10
Ich froh darum, viele Rollenbilder in mir zu tragen, sie bei Bedarf anwenden zu können und manches Mal ist mir die Rolle der Dame sehr recht. Aber ich mag ihre Fallstricke nicht kennenlernen.
11
Zusammenfassend wäre noch zu sagen, dass ich es sehr unhöflich finde, dass die Gedanken streitbarer und kluger Frauen nicht weitergeführt worden sind, sondern stattdessen kurzerhand die Rechnung bezahlt und murmelnd im Gehen einwendet wurde, dass diese Frau gegen Mann und alt gegen jung Geschichten endlich aufhören sollen, man hätte jetzt wichtigeres zu tun.
Und ich, ich stehe gemeinsam mit den Zimmermädchen auf der Straße und halte Schilder hoch:
Ein wahrer Philosoph wäre doch dazu fähig, Anschlusspunkte zu finden, statt den Diskurs zu kappen und losgelöst davon weiterzureden, als wäre nichts passiert.
Die Ursprungsdebatte ist integrativer Bestandteil aller weiteren Debatten.
Man kann das Thema durchaus weiter besprechen, ohne sein ursprüngliches Anliegen kleinzureden.
Es ist doch gerade der Fall, dass durch #aufschrei Abhängigkeitsverhältnisse wieder diskutiert werden, was somit politisch ist.
Empört euch.
Ich weiß nicht, die letzten Tage ging es schon ein wenig, aber die Knochen melden sich immer dann zu Wort, wenn ich es nicht gebrauchen kann. Auf längeren Wegstrecken zum Beispiel, welche ich heute derer mehrere zurücklegte und anfangs hieß dies martialische Schmerzen auszuhalten, weil ich kaum noch irgendwelche Schmerzmittel vertrage. Entweder wird mir davon speiübel oder mein Kreislauf versackt. Irgendwann zwischen Erschöpfung und Aufbruch spürte ich nichts mehr oder hatte mich genug bewegt. Mag auch eine leichte Erkältung daran Schuld sein, dass es jetzt wieder derart ausartet. Nach dem letzten Neuorientierungsversuch sank ich in mich zurück, bebilderte mein Inneres mit äußeren Winterlandschaften und zähen, langen Wegstrecken. Mit der Formel 'Das Sein bestimmt das Bewußtsein' wäre ich momentan eine rheumatische Berlintouristin mit kleinem Budget, die in sich verschneite Landschaften und Bücher stapelt.
Man bräuchte ja nur jemanden, der einen vor den größten Katastrophen bewahrt und der die eigenen Vorschläge auch als seine ausgeben würde.
Man bräuchte ja nur jemanden, der einen vor den größten Katastrophen bewahrt und der die eigenen Vorschläge auch als seine ausgeben würde.
Gegen die Monogamie spricht der große intellektuelle Nutzen von Affären.
Eine meiner längeren und glücklich währenden Affären hatte einen Zusatzbonus; dergestalt, dass meine erste Aufmerksamkeit beim Betreten der Wohnung des Mannes nicht dem Interieur oder dem Bett galt, sondern dem Bücherregal. Der freudige Ausdruck des Mannes in seinem Gesicht sowie diesen ihn begleitender Satz: "Du bist die erste Frau, die sich für meine Bücher interessiert!", ließen mich, zweiundzwanzigjährige Frau, die ich war, etwas sprachlos zurück. Aber der Satz, welcher Ausdruck reeller Freude war, blieb haften - sowie auch spätere Versuche, diesen Mann näher an mich zu binden.
Der Affärenzustand an sich ist ein Bekenntnis zu und ein Beharren auf einen ewig währenden Ausnahmezustand, welcher eben dadurch belebt wird und dieser Logik meist noch nach Jahren folgt. Man ist zu nichts verpflichtet, lebt in getrennten Wohnungen, ist irgendwie aufeinander eingeschossen, aber doch in so vielem getrennt und Monate ohne den anderen sind in der Regel auch nicht ungewöhnlich. Mir nutzte seine intellektuelle Gesellschaft insofern, dass ich anderen Affären gegenüber gelassener auftrat, mich in der Vielfalt der Männerwelt besser zurecht fand und einen sanften Rückhalt hatte. Er war wie eine große warme Kraft, gegen die man sich auflehnen konnte und bei der man sich anlehnen mochte. Wenn ich ihn anderswo zitierte, wusste ich, keinen Schmonzes von mir gegeben zu haben.
Unser gemeinsames Leben beschränkte sich auf Restaurantbesuche, Filmabende und wilden Diskussionen bei Musik und Wein - ich hätte mir kaum schöneres vorstellen können und darum interessierte mich wenig, was er eventuell vor mir verborgen hielt, weil es gefühlt relativ wenig sein konnte. Was es bei weitem nicht war. Denn für ihn hieß Lebensgenuss, sich mit sechs weiteren Frauen eingelassen zu haben. Jede Frau auf ihre Weise schön und liebenswert, alle kaum voneinander wissend, war also ein Steinchen in diesem seinen Mosaikgebilde. Sein intellektuelles und emotionales Reich, ein reichhaltiges Gebilde. Da, wo man manchmal Menschen nicht teilen möchte, wurde es für mich schwer, aber zugleich war ich auch unfähig, mir nach jahrelangem Affärenzustand etwas anderes vorzustellen. Wir fuhren auf einem See in seinem Boot umher und warfen uns unsere mageren Zukunftsaussichten zu, schauten den anderen an - von oben, hinten und vorne. Vielleicht wollte er mir auch nur extra beweisen, wie sinnlos diese Idee war, während wir uns Häuser am Ufer anschauten, uns mit Segelclubmitgliedern unterhielten und uns mehr von einander entfernten an diesem Tag, als all die Jahre zuvor.
Jedes Beziehungsmodell hat seine Zeit, wobei ich glaube, dass es da keine Richtlinien in der Abfolge gibt. Das Leben belehrt uns immer wieder eines besseren, wie wir alle wissen. Und manchmal ist man irritiert von Wiederholungen oder vermag manches nicht einzuordnen oder es kommt gerade ungelegen und dann wusste man es erst hinterher, dass da etwas war.
Eine meiner längeren und glücklich währenden Affären hatte einen Zusatzbonus; dergestalt, dass meine erste Aufmerksamkeit beim Betreten der Wohnung des Mannes nicht dem Interieur oder dem Bett galt, sondern dem Bücherregal. Der freudige Ausdruck des Mannes in seinem Gesicht sowie diesen ihn begleitender Satz: "Du bist die erste Frau, die sich für meine Bücher interessiert!", ließen mich, zweiundzwanzigjährige Frau, die ich war, etwas sprachlos zurück. Aber der Satz, welcher Ausdruck reeller Freude war, blieb haften - sowie auch spätere Versuche, diesen Mann näher an mich zu binden.
Der Affärenzustand an sich ist ein Bekenntnis zu und ein Beharren auf einen ewig währenden Ausnahmezustand, welcher eben dadurch belebt wird und dieser Logik meist noch nach Jahren folgt. Man ist zu nichts verpflichtet, lebt in getrennten Wohnungen, ist irgendwie aufeinander eingeschossen, aber doch in so vielem getrennt und Monate ohne den anderen sind in der Regel auch nicht ungewöhnlich. Mir nutzte seine intellektuelle Gesellschaft insofern, dass ich anderen Affären gegenüber gelassener auftrat, mich in der Vielfalt der Männerwelt besser zurecht fand und einen sanften Rückhalt hatte. Er war wie eine große warme Kraft, gegen die man sich auflehnen konnte und bei der man sich anlehnen mochte. Wenn ich ihn anderswo zitierte, wusste ich, keinen Schmonzes von mir gegeben zu haben.
Unser gemeinsames Leben beschränkte sich auf Restaurantbesuche, Filmabende und wilden Diskussionen bei Musik und Wein - ich hätte mir kaum schöneres vorstellen können und darum interessierte mich wenig, was er eventuell vor mir verborgen hielt, weil es gefühlt relativ wenig sein konnte. Was es bei weitem nicht war. Denn für ihn hieß Lebensgenuss, sich mit sechs weiteren Frauen eingelassen zu haben. Jede Frau auf ihre Weise schön und liebenswert, alle kaum voneinander wissend, war also ein Steinchen in diesem seinen Mosaikgebilde. Sein intellektuelles und emotionales Reich, ein reichhaltiges Gebilde. Da, wo man manchmal Menschen nicht teilen möchte, wurde es für mich schwer, aber zugleich war ich auch unfähig, mir nach jahrelangem Affärenzustand etwas anderes vorzustellen. Wir fuhren auf einem See in seinem Boot umher und warfen uns unsere mageren Zukunftsaussichten zu, schauten den anderen an - von oben, hinten und vorne. Vielleicht wollte er mir auch nur extra beweisen, wie sinnlos diese Idee war, während wir uns Häuser am Ufer anschauten, uns mit Segelclubmitgliedern unterhielten und uns mehr von einander entfernten an diesem Tag, als all die Jahre zuvor.
Jedes Beziehungsmodell hat seine Zeit, wobei ich glaube, dass es da keine Richtlinien in der Abfolge gibt. Das Leben belehrt uns immer wieder eines besseren, wie wir alle wissen. Und manchmal ist man irritiert von Wiederholungen oder vermag manches nicht einzuordnen oder es kommt gerade ungelegen und dann wusste man es erst hinterher, dass da etwas war.