Mittwoch, 3. Juli 2013
Ich habe mit dem Spione-Thema mehr oder weniger innerlich abgeschlossen. Es liegt noch einiges auf Halde. Aber letzten Endes sind das alles Geschichten, die sich auch außerhalb des Spionagekontextes erzählen lassen könnten. Ich habe zu Ende recherchiert. Das, was ich wissen wollte, endgültig wissen wollte, habe ich schwarz auf weiß in einem Buch gefunden. Die Fakten fügen sich gut in die Erzählungen meiner Großmutter ein und sind das graue Fundament aller weiteren Erzählungen. Eigenartig ist, dass nach all diesen geschäftstüchtigen Männern und Frauen in der Familie, die Nachkommen entweder Wein angebaut, geforscht und erforscht oder andere normale Tätigkeiten aufgenommen haben. Keine ausufernden Gartenbaupläne, keine Gutspacht, keine Spionagegeschäfte und keine eigene Klinik mehr. Der Krieg hat diese Familie verstört und einer aus ihren Reihen hat ihn befördert. Den Krieg. Ich möchte nicht verstört sein, sondern damit abschließen.



Freitag, 31. Mai 2013
Wach, in der Tiefe summend, die Augen aufgeschlagen und den Riff der Ruine der Geisterstadt geborgen. In die Gegenwart getragen. Ein Eimer als Wahrzeichen. Die Musik musste gespielt werden, damit jetzt alles so gekommen ist, wie es gekommen ist. Die Ruinen wurden beschallt und es wurde getanzt. Der Mann mit dem verbrannten Gesicht hatte eine neue Geliebte und darauf kannst du deinen Arsch verwetten, es war ein großes Spektakel und die Geländer waren schon vor Jahren weggebrochen. Surfe auf deiner Welle. Nimm mich mit, bezahle mein Bier und trage unter dem Mantel Batman.



Montag, 8. April 2013
¶ Bleib
In zwei Minuten lässt sich so viel denken und Zusammenhänge werden kurz verknüpft, wo sie auf den ersten Blick unmöglich erschienen und die dazugehörigen Gefühle werden abgeglichen und möglicherweise kannst du danach ein wenig aufatmen, hoffen, einen Schritt weiter zu sein. Die Gedanken strömen, ja fallen geradezu wie Tetrissteine in den weißen Raum und harren darauf gestapelt und sortiert zu werden. Wie in einem Bällebad, einem computerisierten Anstaltsraum, in welchem Plastikwörter aus Tetrissteingebilden durch die Insassen gestapelt werden. Unaufhörlich. Eine grobschlächtige, grob gepixelte und legonsteinbunte Welt, in Gleichförmigkeiten gebannt, so als gäbe es keine Wellen, keinen Hauch, keine Verzögerung und kein Formenwirrwarr. Nur gestapelte Tetrisware. Digitales Berlin.
Wie aus einer anderen Welt erscheinen mir da die alten gesammelten Postkarten, die Flyer und Konzerttickets, zahllose Schnipselsammlungen von Telefonnummern und der zarte weiche Staub, welcher über Jahre die Stapel gelenkartig zu einer Ziehharmonika verbunden hat, benennt die zurückgelegte Zeit. Zuweilen ist der Staub von einer klebrigen Schlierenschicht unterlegt, einer festgelegten Vergangenheit. Was sich da alles in den Jahren angesammelt hat. Was werde ich alles hinter mir lassen? Ist das aufzählbar? Die unzähligen Parties und Clubs und all die kostbaren und manchmal auch weniger kostbaren Jahre, gefüllt mit Liebe, Verlogenheit und Trauer. Sich runterschreiben, die Gedanken schweifen lassen und in die Tiefe gehen und Luft holen. Tief Luft holen. Bevor ich mich noch einmal kurz umdrehe, um dann leicht federnden Schrittes die Treppen herunterzusteigen, übergebe ich Betty das geschnürte Bündel mit den alten Geschichten. Ich greife links und rechts nach den Koffern und trete in den Sonnenkegel des Vorhofs. Ich bin raus. Und Berlin ist vorläufig Geschichte und erzählbar geworden.
Während ich hier versuche, die Vergangenheit zusammenzutragen, dreht sich die Stadt weiter und alle Erinnerungen, wo man eng umschlungen, knutschend und keuchend oder drogenbleich in kalten Treppenhäusern saß, um Lichtspiele einzufangen, gehören anderen Zeiten an. Aber nicht dem hier und jetzt. Meine Zeitwahrnehmung schwankt. Ich spinne Netze, betrete Grauzonen, hebe Grabdeckel, um den kühlen Gestank zu riechen und glotzend, offenen Auges in die Grabstelle zu schauen. Verwest. Das alles.
Aber es sind nicht nur die Erinnerungen. Ich suche ein Wesen; ein Wesen zusammengesetzt aus Erinnerungen, Videos, Büchern und Erzählungen, während ich die Straßen auf und ab laufe. Punktuell tauchen Partys aus vergangenen Zeiten auf, zum Beispiel während ich an einer fünfhundert Meter entfernten Straßenampel lehne und in der Wohnung längst andere Mieter eingezogen sind. Aber diese Party von vor zehn Jahren ist mir momentan präsent und gegenwärtig, während ich die geklebten Zettel abtaste, flüchtig um mich schaue und auf grün warte, während die Zeit ununterbrochen und unbarmherzig weiterläuft.